Immer wieder Feiertags von H.E. aus S
Die Tage wurden wärmer. Die
Osterhasen waren schon recht aktiv und auch bei uns im Garten waren die Nester
gebaut. Unser Jüngster konnte es kaum erwarten, dass ihm der Osterhase sein
langersehntes Fahrrad brachte. Fahren konnte er ja schon, aber jetzt mit so
vielen Gängen, das war schon etwas besonderes. Weil es ein Mountainbike war
konnte man es auch im Ort nicht richtig Probe fahren, man musste raus in
Gelände. Und schon war er weg. Es dauerte nicht lange, da kam er mit hochrotem
Kopf und ganz erhitzt wieder zurückgestrampelt: „Die Esel sind ausgebrochen!“
„Alles umziehen, Stiefel anziehen wir müssen sofort los.“ Wenn die Esel aus der
Weide ausgebrochen sind, dann ist höchste Eile geboten. Man weiß nicht wohin
sie laufen. Es schießen einem dann allerlei Gedanken durch den Kopf. Was wenn
sie auf eine Straße gelangen und es zu einem Unfall kommt? Was wenn sie in
Hausgärten giftige Ziersträucher fressen. Vor allem aber auch die Leute, die
dann wieder was zu reden haben. Die Esel hatten sich noch nicht weit entfernt.
Es wäre nicht so schlimm gewesen, aber sie trotteten über die noch feuchten
Äcker, die im Herbst schon eingesät wurden und hinterließen eine Spur der
Zerstörung. Nun die Zerstörung war auch nicht so schlimm, aber die Spuren durch
die Äcker waren einfach hässlich anzusehen. Und was würde der Bauer dazu sagen?
Hoffentlich würde es bald regnen, nur danach sah es im Moment nicht aus.
Wie konnte so was nur
passieren? Natürlich waren sie nur in einem Elektrozaun eingepfercht, aber
davor hatten die Tiere einen so großen Respekt, dass sie nur in ganz extremen
Situationen ausbrachen. Aber heute morgen war alles friedlich. Vielleicht ist
auch ein Wanderer mit einem Hund vorbeigekommen. Möglicher Weise hat sich auch
ein Fuchs aus dem Wald herausgewagt. Auch das konnte möglich sein. Erst im
Herbst hat so ein Räuber am helllichten Tag zwei ausgewachsene Gänse und drei
Enten auf einen Schlag gerissen und verschleppt. Nicht dass die Esel sich vor
solchen Tieren fürchteten, aber wenn so ein etwas ganz unverhofft aus dem
Gebüsch huscht, dann kann selbst ein Winzling, wie ein Scotchterrier eine
Eselherde in die Flucht schlagen.
Wenn eine Eselherde auf Tour
ist, lohnt es sich nicht jeden einzeln einzufangen. Man treibt alle gemeinsam,
ohne sie nervös zu machen, wieder zurück. Das geht in der Regel ganz gut, weil
dies ja die Richtung ist, wo sie sich auch zuhause fühlen. Etwas mehr Geschick und Ausdauer wird benötigt um
sie alle wieder in die Weideumzäunung zu bringen. Das Elektroband war durchgerissen
und mehrere Pfosten mussten neu gesetzt werden. Viel Hektik, aber schließlich
war Ostern und der Osterhase wollte noch ein paar Geschenke bringen. So war der
Stress schnell vergessen.
Die Tage vergingen. Wieder
war der Tisch festlich geschmückt. Ein bunter Blumenstrauß stand erwartungsvoll
auf dem Frühstückstisch. Die Kinder hatten alles schön vorbereitet. Jetzt nur
noch eine Kerze anzünden, dann konnte die Mutter kommen. Am Muttertag geht es
morgens immer etwas hektisch zu. So und jetzt kann ... Da klingelt das Telefon:
„Eure Esel stehen drunten im Neubaugebiet, sie laufen in Richtung Hauptstraße.
Das wollte ich Euch nur sagen. Noch einen schönen Sonntag.“ „Vielen Dank“
stammelte ich, nachdem ich gerade tief nach Luft geschnappt hatte. „Alles umziehen,
die Esel sind unterwegs“. Fast wie bei der Feuerwehr rannte alles
durcheinander. Noch die Stiefel und dann ab ins Auto. Tatsächlich da waren sie,
allerdings hatten sie sich gerade über das gute Futter am Straßenrand, einem
Seitenweg, hergemacht. Ein eher friedlicher Anblick. War auch gut so, denn Esel
auf der Hauptstraße, das ist ein Alptraum. Trotz dieser misslichen Lage viel
mir ein Stein vom Herzen. Jetzt nur gut überlegen, damit sie nicht doch noch
auf die Hauptstraße gelangten. Der Rest war ein Stück Knochenarbeit. Die Esel
sind für Menschen einfach zu schnell und viel zu ausdauernd. Wenn sie nicht in
die gewünschte Richtung wollen, umlaufen sie einen immer wieder bis man am Ende
schweißgebadet ist. Die Litze war wieder zerrissen und wieder einige Pfosten
geknickt. Gut dass wir alle zusammen waren. Einer alleine hätte das wohl nicht
geschafft. Man ist sehr froh, wenn dann alles wieder seine Ordnung hat.
Ach ja, es war ja Muttertag.
Bei all der Aufregung hatten wir das ganz vergessen. Es wurde noch ein
gemütlicher Tag und auch die Esel freuten sich bei dem herrlichen Wetter.
Nachmittags brachten Wanderer und Spaziergänger noch Karotten und trockenes
Brot vorbei und so wurde es auch für die Esel noch ein Festtag.
Die Zeit verging, wir hatten
den Weidezaun nun schon öfter wieder verstellt und alles ging gut. Die
Bundeswehr hat mit ihren Düsenjets öfter mal den Tiefflug geprobt und ist mit
ohrenbetäubendem Lärm über die Weiden
gedonnert. Nichts geschah. Offensichtlich hatten die Tiere sich daran, was es
auch immer wahr, gewöhnt.
Alles gute zum Vatertag.
Meine vier Jungs weckten mich freudestrahlend und jeder übergab mir eine gute
Zigarre. Eigentlich war ich schon wach, aber ich döste im Bett noch ein wenig
vor mich hin. Strahlend blauer Himmel deutete darauf hin, dass die Väter im
vergangenen Jahr brav waren. Wir hatten uns für heute nicht viel vorgenommen,
es sollte einfach ein gemütlicher Tag werden. Der Kaffee duftete und ich war
gerade dabei mich an den Frühstückstisch zu setzen als das Telefon läutete:
„Ich möchte Sie nicht stören, aber Eure Esel laufen gerade durchs Ort“. Das
darf doch nicht Wahr sein. Aus war es mit dem gemütlichen Tag. Wieder umziehen,
rein in Auto und ab zur Eseljagd. Zwischenzeitlich hatten diese schon die Kurve
gekriegt und waren Richtung Wald unterwegs. Peinlich genug. Das wird sicherlich
wieder zum Ortsgespräch werden. Aber jetzt war es schon passiert. Die Richtung
welche die Tiere jetzt eingeschlagen hatten war günstig. Mit etwas Geschick
konnten wir sie über einen Waldweg direkt zum Schuppen treiben. Wieder war der
Weidezaun gerissen, wieder mussten Pfosten eingeschlagen werden, wieder
war es wie ein Spuk, auf den wir uns
keinen Reim machen konnten.
Ein Bekannter der Ortsrand
wohnte hatte das Geschehen beobachtet. Wie beiläufig erzählte er mir, was mir
bisher so unerklärlich war: „Da sind wieder die Motorradfahrer gekommen, eine
ganze Horde und dann sind die Esel ausgebrochen.“ Das war für mich zuviel. Die Moto-Cross Fahrer, denen eine gut ausgebaute Straße nicht
genügt, müssen sich ihren Kick auf den
Feld- und Waldwegen holen. Jetzt war mir das klar. Sie treffen sich immer an
den Feiertagen und fahren dann ihre Runde. Für diesen Kick nehmen sie dann billigend in Kauf, dass ich
hinterher meine Esel wieder einfangen kann.
Das wollte ich genauer
wissen und setzte mich an wieder einem solchen Tag an den Waldrand, um das
Geschehen zu beobachten. Möglicher Weise konnte ich auch die Jungs zur Rede
stellen. Mit aufheulenden Motoren und dann doch wieder mit einem tiefen satten
Brummsound stoben sie heran. Es war eine Gruppe von ca. acht Fahrern, gekleidet
als würden sie von einem anderen Stern kommen. Mit vollem Karacho brausten sie
heran und dann geschah das Unfassbare. In gebührendem Abstand zur Weide
bremsten sie ab. Beinahe im Schritttempo fuhren sie die Weide entlang. Wer
hätte das gedacht? Hatten sie mich etwa gesehen? Bisher war nichts geschehen.
Natürlich hatten die Esel die Ohren gestreckt, und aufmerksam in den Lärm
hineingehorcht. Aber sie flohen nicht. Es erweckte zwar ihr Interesse aber sie
gerieten nicht in Panik. Ich war sehr froh darüber. Die Tiere hatten sich daran
gewöhnt, - so glaubt ich. Zwei drittel
der Länge der Weide hatte der Motorradpulk bereits hinter sich da fing die
Meute plötzlich an zu laufen. Nicht aber, wie ich erwartet hatte in panischer
Angst davon, sondern sie liefen alle den Motorrädern hinterher. Sie waren so
betört, dass sie den Zaun einfach niederrissen. So etwas hatte ich noch nicht
erlebt. War es der Lärm oder erinnerte sie die Bewegung der Motorradfahrer an
davon galoppierende Artgenossen. Ich weiß es bis heute nicht. Nur gut, dass die
Moto-Cross Fahrer zwischenzeitlich ihre Route geändert haben.